12.05.2026

🎓 Ausbildung statt Anstellung im Pflegedienst: Spart das wirklich Kosten?

Viele Pflegeeinrichtungen setzen verstärkt auf Auszubildende, um dem Fachkräftemangel aktiv zu begegnen. Der Gedanke dahinter wirkt auf den ersten Blick logisch:

Auszubildende sind günstiger als examinierte Pflegekräfte.

Doch diese Annahme greift in der Praxis oft zu kurz. Denn die wirtschaftliche Realität von Ausbildung im Pflegedienst ist deutlich komplexer als die reine Betrachtung der Ausbildungsvergütung.

Gerade für Geschäftsführer und HR-Verantwortliche ist eine differenzierte Vollkostenbetrachtung entscheidend.

Warum Ausbildung für Pflegedienste immer wichtiger wird

Der steigende Fachkräftemangel führt dazu, dass viele Einrichtungen strategisch auf eigene Ausbildung setzen:

  • Aufbau eigener Fachkräfte

  • langfristige Personalbindung

  • geringere Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt

  • Sicherung der Versorgungsqualität

  • Stärkung der Arbeitgebermarke

Ausbildung wird damit zunehmend zu einem zentralen Bestandteil der Personalstrategie.

Der Irrtum: „Azubis sind günstige Arbeitskräfte“

In der Praxis wird Ausbildung häufig mit kurzfristiger Kosteneinsparung gleichgesetzt.

Typische Annahme:

  • niedrige Vergütung

  • zusätzliche Arbeitskraft im Alltag

  • sofortige Entlastung

Doch diese Betrachtung ist unvollständig.

Denn Auszubildende sind keine voll einsetzbaren Arbeitskräfte, sondern befinden sich in einem strukturierten Lernprozess mit klaren gesetzlichen Vorgaben.

Ausbildungsvergütung vs. tatsächliche Wirtschaftlichkeit

1. Ausbildungsvergütung

Die direkte Vergütung von Auszubildenden ist im Vergleich zu Fachkräften tatsächlich niedriger.

Das allein ist jedoch kein realistischer Maßstab für die Wirtschaftlichkeit.

2. Produktivität im Einsatz

Ein zentraler Punkt ist die tatsächliche Einsatzfähigkeit im Pflegealltag.

Auszubildende:

  • dürfen nur eingeschränkt selbstständig arbeiten

  • benötigen Anleitung und Kontrolle

  • verursachen zusätzlichen Zeitaufwand bei Fachkräften

  • sind nicht durchgehend produktiv einsetzbar

Die reale Produktivität liegt daher deutlich unter der eines examinierten Mitarbeiters.

3. Anleitung und Einarbeitung

Ein oft unterschätzter Kostenfaktor ist der tägliche Aufwand für Praxisanleitung:

  • Begleitung im Dienst

  • Dokumentation der Ausbildung

  • Feedbackgespräche

  • Korrektur von Tätigkeiten

  • organisatorische Integration

Diese Zeiten fehlen gleichzeitig in der regulären Pflegeplanung.

Gesetzliche Anforderungen und Betreuungspflichten

Pflegeeinrichtungen unterliegen klaren Vorgaben für die Ausbildung:

  • definierte Praxisanleiter-Quoten

  • strukturierte Ausbildungspläne

  • dokumentierte Lernfortschritte

  • enge Kooperation mit Pflegeschulen

  • Prüfungs- und Vorbereitungsphasen

Diese Anforderungen erzeugen zusätzlichen organisatorischen Aufwand, der wirtschaftlich berücksichtigt werden muss.

Vollkostenbetrachtung: Der entscheidende Blickwinkel

Eine realistische Bewertung der Ausbildung umfasst deutlich mehr als nur die Vergütung.

Relevante Kostenfaktoren:

  • Ausbildungsvergütung

  • Anleitungskosten (Freistellung von Fachkräften)

  • reduzierte Produktivität im Alltag

  • organisatorischer Mehraufwand

  • Ausfallzeiten in Lern- und Prüfungsphasen

  • Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand

Erst die Summe dieser Faktoren zeigt die tatsächliche wirtschaftliche Belastung.

Langfristiger Nutzen: Warum Ausbildung trotzdem unverzichtbar ist

Trotz höherer Anfangskosten ist Ausbildung ein strategisch wichtiger Bestandteil der Personalplanung.

Vorteile auf lange Sicht:

  • stabile Personalbasis

  • höhere Mitarbeiterbindung

  • geringere Recruitingkosten

  • bessere Passung zur Einrichtung

  • langfristige Entlastung externer Arbeitsmärkte

Viele Einrichtungen profitieren erst nach mehreren Jahren von einer systematischen Ausbildungsstrategie.

Häufiger Fehler in der Praxis

Ein typischer Denkfehler lautet:

Es werden nur die Ausbildungsvergütungen betrachtet, nicht die internen Kosten.

Das führt zu einer verzerrten Wahrnehmung der Wirtschaftlichkeit.

Besonders häufig werden übersehen:

  • Anleitungskosten im Tagesgeschäft

  • reduzierte Einsatzzeiten im Vergleich zu Fachkräften

  • organisatorische Zusatzbelastung für Teams

Ausbildung ist keine kurzfristige Entlastung

Wichtig ist die klare Einordnung:

  • Ausbildung ist kein kurzfristiges Sparinstrument

  • sondern eine langfristige Investition in Personalentwicklung

Wer Ausbildung primär zur Kostenreduktion einsetzt, verkennt den eigentlichen Zweck.

Strategische Bedeutung für Pflegeeinrichtungen

Für Geschäftsführer und HR bedeutet das:

  • Ausbildungsplanung ist Teil der Gesamtpersonalstrategie

  • wirtschaftliche Effekte zeigen sich erst langfristig

  • Struktur und Qualität der Ausbildung sind entscheidend

  • interne Kapazitäten müssen bewusst eingeplant werden

Ein erfolgreicher Ausbildungsbetrieb erfordert daher klare Strukturen und ausreichende Ressourcen.

Fazit: Ausbildung lohnt sich – aber nicht aus kurzfristiger Kostensicht

Die Ausbildung von Pflegekräften ist ein zentraler Baustein zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit von Pflegeeinrichtungen.

Wirtschaftlich betrachtet gilt jedoch:

  • kurzfristig entstehen höhere Kosten als oft angenommen

  • die tatsächliche Produktivität ist begrenzt

  • der organisatorische Aufwand ist erheblich

  • der Nutzen entsteht erst langfristig durch Bindung und Stabilität

Für Pflegeeinrichtungen ist Ausbildung damit vor allem eines:

Eine strategische Investition in die Zukunft – kein kurzfristiger Kostensparhebel.

Eike J. Giersdorf
Wirtschaftsprüfer I Steuerberater
Schwerpunkte
  • Steuerliche Gestaltungsberatung
  • Steuerliche Beratung im Bereich Unternehmensumwandlungen
  • Steuerliche Beratung im Bereich Nachfolgeregelungen
  • Wirtschaftsprüfung - Jahresabschlussprüfung
  • Unternehmensbewertung