19.05.2026

Dein Pflegedienst stagniert – was schneller wachsende Pflegedienste anders machen

Der ambulante Pflegemarkt in Deutschland wächst – aber nicht alle Pflegedienste wachsen mit. Während einzelne Betreiber ihre Patientenzahlen Jahr für Jahr steigern, kämpfen andere darum, ihren Bestand zu halten. Was machen die erfolgreichen Pflegedienste anders? Und wo liegen die Schwachstellen, die Wachstum bremsen – ohne dass es die Geschäftsführung bemerkt?

Dieser Artikel zeigt, anhand welcher Maßstäbe sich Pflegedienste miteinander vergleichen lassen, wo die häufigsten Wachstumsbremsen liegen und welche konkreten Stellschrauben die marktführenden Anbieter nutzen.

Der Markt wächst – aber ungleich

Der deutsche Pflegemarkt befindet sich in einer Wachstumsphase, die durch den demografischen Wandel noch weiter beschleunigt wird. Zum Stichtag am 31. Dezember 2024 wurden in Deutschland 17.769 Pflegedienste gezählt, die insgesamt 2,2 Millionen Patienten versorgen. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl an Pflegediensten um 2,2 Prozent gestiegen. Seit dem Jahr 2018 ist sogar ein Anstieg von 17,7 Prozent zu erkennen.

Im Jahr 2024 haben insgesamt 568 Pflegedienste bundesweit neu eröffnet, im Vorjahr waren es noch 487 Pflegedienste. Der Markt ist also offen für neue und wachsende Anbieter – aber gleichzeitig intensiver umkämpft als je zuvor.

Wer in diesem Umfeld stagniert, verliert nicht nur Marktanteile. Er riskiert, in einem schrumpfenden Betrieb zu sitzen, während die Nachfrage um ihn herum steigt.

Warum viele Pflegedienste stagnieren – obwohl der Bedarf wächst

Stagnation entsteht selten aus einer einzigen Ursache. In der Praxis sind es häufig mehrere Faktoren, die gemeinsam bremsen – und die oft nicht als strategisches Problem erkannt werden, weil das operative Tagesgeschäft dominiert.

Typische Wachstumsbremsen:

Zu schmales Leistungsangebot: Wer ausschließlich klassische ambulante Tourenpflege anbietet, verschenkt Wachstumspotenzial. Viele Nachfrager wünschen sich kombinierte Angebote – und gehen dort hin, wo sie mehr bekommen.

Schwache Positionierung im Wettbewerb: Wenn Patienten und Angehörige keinen klaren Unterschied zwischen dem eigenen Dienst und drei anderen in der Region erkennen, entscheidet oft nur der Preis – oder der Zufall.

Digitale Rückstände: Europaweit arbeiten nur 18,6 Prozent der Fachkräfte in einem vollständig digitalen Umfeld mit mobilen Anwendungen. Fast die Hälfte bewegt sich in halbdigitalen Strukturen. Pflegedienste, die auf veraltete Prozesse setzen, sind langsamer, fehleranfälliger – und weniger attraktiv für Fachkräfte.

Personalprobleme, die nicht als Wachstumsproblem erkannt werden: Wer keine Pflegekräfte findet oder hält, kann nicht wachsen – egal wie groß die Nachfrage ist.

Fehlende Kennzahlen: Viele Geschäftsführungen wissen nicht genau, wie sie im Vergleich zu Mitbewerbern abschneiden – weil niemand systematisch hinschaut.

Was die wachsenden Pflegedienste anders machen: Fünf Strategien im Vergleich

Strategie 1: Angebotsverbund statt Monostruktur

Als besonders erfolgreich präsentieren sich dabei nicht nur spezialisierte Unternehmen – auch der Verbund mit weiteren Leistungsangeboten wie betreute Wohneinheiten, Tagespflegen oder Wohngruppen stärken die ambulanten Dienste und ermöglichen weiteres Wachstum.

Insgesamt zeigt sich, dass noch immer der größte Teil der ambulanten Pflegedienste – etwa 70 Prozent – sich einzig und allein auf die ambulante Versorgung konzentriert. Dennoch zeigt sich dieser Anteil im Vergleich zum vergangenen Jahr rückläufig, und der Fokus richtet sich auf Pflegedienste, die auch Tagespflege, Betreutes Wohnen oder eine komplexe Angebotsstruktur am Standort anbieten.

Was bedeutet das konkret? Pflegedienste, die eine Tagespflegeeinrichtung betreiben oder mit betreutem Wohnen kombinieren, haben mehrere Vorteile auf einmal: Sie sprechen Patienten an, die noch nicht die intensive häusliche Pflege brauchen, sichern sich früh in der Versorgungskette und haben eine stärkere Bindung an Patienten und Angehörige.

Seit 2008 herrscht ein regelrechter Tagespflegeboom in Deutschland. Aktuell werden 7.184 Tagespflegen mit rund 120.300 Plätzen in Deutschland betrieben. Wer dieses Segment noch nicht bedient, verpasst eines der stabilsten Wachstumsfelder der Branche.

Strategie 2: Aktives Wachstum durch Übernahmen

Neben dem organischen Wachstum zeigen sich Pflegedienste auch im Bereich der Betriebsübernahmen kauffreudig. Die wachsenden Anbieter warten nicht darauf, dass Patienten von selbst kommen – sie übernehmen Kapazitäten von Betreibern, die aus dem Markt ausscheiden.

Während im Jahr 2023 etwa 10 Prozent der übernommenen Kapazitäten von insolventen Betreibern übernommen wurden, waren es im Jahr 2024 insgesamt 22 Prozent der übernommenen ambulanten Kapazitäten. Das ist eine erhebliche Verschiebung: Insolvenzübernahmen werden zum Wachstumsinstrument für gut aufgestellte Betreiber.

Für Geschäftsführer mit Wachstumsambitionen bedeutet das: Wer finanziell stabil aufgestellt ist und seine Kennzahlen kennt, kann in Umbruchphasen aktiv handeln – statt zuzuschauen.

Strategie 3: Digitalisierung als echter Betriebsvorteil

Administrative und Personalmanagement-Systeme, die Prozesse automatisieren, ermöglichen es, Schichten bequem über eine App zu planen und zu buchen. Digitale Lösungen zur Online-Betreuung oder Ferndiagnostik verringern Wartezeiten und erhöhen die Versorgungsqualität.

Entscheidend dabei ist nicht, ob ein Pflegedienst Software einsetzt – sondern ob er sie wirklich nutzt. Rund 42 Prozent der Befragten schätzen ihre digitalen Kompetenzen als mittelmäßig ein, 8 Prozent sogar als niedrig. Es reicht nicht, digitale Tools zur Verfügung zu stellen. Entscheidend ist, dass Pflegekräfte geschult und sicher im Umgang sind.

Pflegedienste, die digitale Prozesse konsequent umsetzen – von der mobilen Dokumentation bis zur automatisierten Dienstplanung – haben messbare Vorteile: weniger Verwaltungsaufwand, weniger Fehler, schnellere Abrechnung und attraktivere Arbeitsbedingungen für Fachkräfte.

Ab 2025 wird die Telematik-Infrastruktur (also die sichere digitale Datenautobahn zwischen Ärzten, Apotheken, Krankenkassen und Pflegeeinrichtungen) für alle Pflegeeinrichtungen verpflichtend. Durch die Anbindung können Ärzte, Apotheken und Pflegeheime über KIM-Systeme – das steht für Kommunikation im Medizinwesen – in Echtzeit Daten austauschen, wodurch sich die Koordination der medizinischen Versorgung erheblich verbessert. Wer hier hinterherhinkt, hat bald nicht nur einen Wettbewerbsnachteil, sondern auch ein rechtliches Problem.

Strategie 4: Arbeitgeberattraktivität als Wachstumsstrategie

In einem Markt, in dem der Fachkräftemangel das größte Wachstumshindernis ist, ist Personalführung keine Verwaltungsaufgabe – sie ist eine strategische Entscheidung.

Pflegedienste, die wachsen, wissen: Wer seine Pflegekräfte verliert, verliert auch seine Patienten. Und wer keine neuen Fachkräfte findet, kann nicht expandieren.

Konkrete Stellschrauben, die wachsende Pflegedienste nutzen:

  • Verlässliche Dienstplanung statt kurzfristiger Änderungen – ein entscheidender Faktor für die Zufriedenheit von Pflegekräften

  • Klare Karriere- und Weiterbildungswege – Fachkräfte bleiben länger, wenn sie eine Perspektive sehen

  • Digitale Arbeitsbedingungen – moderne Tools reduzieren Bürokratie und machen den Job attraktiver

  • Faire und transparente Vergütung – Lohngerechtigkeit ist ein zunehmend entscheidender Bewerbungsgrund

Erfolgreiche Pflegedienste meistern den Spagat zwischen Personalführung, Wirtschaftlichkeit, Qualitätsmanagement und Digitalisierung, indem sie diese als gleichwertige Säulen begreifen und konsequent weiterentwickeln.

Strategie 5: Aktive Akquise und Sichtbarkeit im regionalen Markt

Ein gut geführter Pflegedienst, den niemand kennt, wächst nicht. Sichtbarkeit ist im Pflegemarkt keine Frage von Werbeetats – sondern von Systematik.

Was erfolgreiche Pflegedienste tun:

  • Aktive Kooperationen mit Kliniken, Hausärzten, Sozialdiensten und Beratungsstellen – wer zuerst empfohlen wird, gewinnt

  • Professionelle Online-Präsenz – Bewertungen, aktuelle Informationen auf der Website und Präsenz in sozialen Netzwerken sind heute Voraussetzung, nicht Kür

  • Transparente Kommunikation mit Angehörigen – Angehörige entscheiden häufig, welcher Pflegedienst beauftragt wird. Wer hier vertrauenswürdig auftritt, gewinnt Kunden

  • Transparente Preisgestaltung für Selbstzahlerinnen und Selbstzahler vereinfacht die Beratung und schafft nachhaltiges Vertrauen.

Der Benchmark-Check: Wo steht Ihr Pflegedienst wirklich?

Ein Vergleich mit dem Wettbewerb beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Folgende Fragen helfen dabei:

Patientenstruktur und Auslastung:

  • Wie viele Patienten versorgt Ihr Dienst im Durchschnitt? Im Durchschnitt versorgt ein Pflegedienst in Deutschland 125 Patienten. Liegt Ihr Dienst darunter – und warum?

  • Wie hoch ist Ihre Auslastung im Verhältnis zur Kapazität?

  • Wie hat sich die Patientenzahl in den letzten drei Jahren entwickelt?

Leistungsangebot:

  • Sind Sie ausschließlich in der ambulanten Tourenpflege tätig – oder haben Sie ergänzende Angebote?

  • Bieten Sie Leistungen an, die Ihren Patienten auch in der nächsten Pflegephase nützen?

Digitalisierungsgrad:

  • Wie hoch ist der Anteil papierbasierter Prozesse in Dokumentation und Abrechnung?

  • Nutzen Ihre Pflegekräfte mobile Anwendungen – und fühlen sie sich sicher damit?

  • Ist Ihre Einrichtung bereits an die Telematik-Infrastruktur angebunden?

Personal:

  • Wie hoch ist Ihre Fluktuationsquote? (Das ist der Anteil der Mitarbeitenden, die innerhalb eines Jahres den Betrieb verlassen.)

  • Wie lange dauert es durchschnittlich, eine offene Stelle zu besetzen?

  • Wie ist die Zufriedenheit im Team – und wissen Sie das auch wirklich?

Wirtschaftliche Kennzahlen:

  • Wie entwickeln sich Ihre Personalkosten im Verhältnis zum Umsatz?

  • Wie hoch ist Ihre Umsatz- und Ergebnismarge im Vergleich zu Branchendurchschnittswerten?

  • Wie schnell werden Ihre Rechnungen bezahlt – und wie läuft die Abrechnung mit den Pflegekassen?

Was das für Geschäftsführer mit Wachstumsambitionen bedeutet

Wachstum im Pflegemarkt ist kein Selbstläufer – aber er ist auch kein Zufall. Die Pflegedienste, die heute Marktanteile gewinnen, handeln nach denselben Prinzipien:

Sie kennen ihren Markt und ihre eigenen Zahlen. Sie investieren gezielt in digitale Prozesse, die tatsächlich Entlastung bringen. Sie denken ihr Leistungsangebot weiter als die reine Tourenpflege. Und sie betrachten ihre Mitarbeitenden als strategischen Erfolgsfaktor – nicht als Kostenfaktor.

Kooperationen mit anderen Diensten oder Einrichtungen können Ressourcen schonen und das Leistungsangebot erweitern. Wer wachsen will, muss nicht alles alleine machen.

Entscheidend ist, die richtigen Fragen zu stellen – und die Antworten ehrlich zu bewerten.

Fazit: Stagnation ist kein Schicksal

Der ambulante Pflegemarkt bietet auch 2025 und darüber hinaus erhebliche Wachstumschancen. Aber diese Chancen nutzen vor allem diejenigen, die ihr Geschäft systematisch weiterentwickeln, Schwachstellen erkennen und gezielte Entscheidungen treffen.

Wer stagniert, sollte nicht auf bessere Marktbedingungen warten – sondern genau hinschauen, was die Wachstumsführer in der eigenen Region anders machen. Die Antwort liegt in aller Regel näher, als man denkt.

Sie möchten wissen, wo Ihr Pflegedienst wirtschaftlich steht und welche Stellschrauben für Wachstum die größte Wirkung hätten? EGIDO GmbH erstellt betriebswirtschaftliche Analysen für Pflegedienste und hilft Ihnen dabei, Kennzahlen richtig einzuordnen – als Grundlage für strategische Entscheidungen, nicht nur für den Jahresabschluss.

Eike J. Giersdorf
Wirtschaftsprüfer I Steuerberater
Schwerpunkte
  • Steuerliche Gestaltungsberatung
  • Steuerliche Beratung im Bereich Unternehmensumwandlungen
  • Steuerliche Beratung im Bereich Nachfolgeregelungen
  • Wirtschaftsprüfung - Jahresabschlussprüfung
  • Unternehmensbewertung