12.05.2026

Pflegefachassistenz ohne klassische Ausbildung: Neue Wege gegen den Fachkräftemangel

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist längst kein drohendes Szenario mehr – er ist betriebliche Realität. Mehrere Bundesländer erproben derzeit neue Qualifizierungsmodelle, die den Zugang zur Pflegefachassistenz erleichtern sollen. Für Geschäftsführer und Personalentwickler stellt sich die Frage: Was taugen diese Modelle, was kosten sie – und wie lässt sich der eigene Betrieb strategisch einbringen?

Ausgangslage: Warum klassische Ausbildungswege nicht mehr ausreichen

Die Zahlen sprechen für sich: Der Bedarf an Pflegepersonal wächst schneller, als klassische Ausbildungsgänge ihn decken können. Lange Ausbildungszeiten, hohe Abbruchquoten und ein zu kleiner Bewerbermarkt machen es Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten zunehmend schwer, offene Stellen zu besetzen.

Die Antwort mehrerer Bundesländer: flexible Qualifizierungsmodelle, die den Weg zur Pflegefachassistenz verkürzen oder modular gestalten – ohne dabei fachliche Standards aufzugeben.

Was sind die neuen Qualifizierungsmodelle?

Im Kern geht es darum, Pflegehilfskräfte, Quereinsteiger und Personen mit informell erworbener Pflegeerfahrung (z. B. pflegende Angehörige) gezielt weiterzuqualifizieren – und das schneller als über den klassischen Ausbildungsweg.

Typische Merkmale dieser Modelle:

Modularer Aufbau: Kompetenzen werden in Einzelbausteinen erworben und zertifiziert. Das ermöglicht berufsbegleitende Qualifizierung ohne vollständigen Ausbildungsabbruch im Betrieb.

Anrechnung von Vorerfahrungen: Wer bereits in der Pflege tätig ist, muss nicht bei null anfangen. Nachgewiesene Praxis kann auf die Qualifizierung angerechnet werden.

Verkürzte Gesamtdauer: Je nach Modell lässt sich die Zeit bis zum Abschluss als Pflegefachassistenz erheblich reduzieren – ein entscheidender Vorteil im laufenden Betrieb.

Was bedeutet das konkret für Unternehmen?

Chancen für die Personalentwicklung

Flexible Qualifizierungswege eröffnen neue Möglichkeiten, interne Talente zu fördern. Statt externe Fachkräfte auf dem ohnehin leergefegten Markt zu suchen, können Betriebe vorhandenes Personal systematisch weiterentwickeln. Das stärkt die Mitarbeiterbindung – und senkt langfristig die Fluktuation.

Proaktive Rekrutierung als Wettbewerbsvorteil

Unternehmen, die sich aktiv an regionalen Qualifizierungsprogrammen beteiligen, sichern sich Zugang zu Talenten, bevor diese auf den freien Markt kommen. Kooperationen mit Volkshochschulen, Berufsschulen oder spezialisierten Bildungsträgern lohnen sich – sowohl für die Personalplanung als auch für das Arbeitgeberimage.

Mitgestaltung im Ausbildungssystem

Gerade in der Pilotphase haben Betriebe die Möglichkeit, Einfluss auf die Ausgestaltung der Modelle zu nehmen – beispielsweise durch Mitwirkung in regionalen Beiräten oder durch direktes Feedback an Bildungsträger und Politik. Wer jetzt dabei ist, gestaltet die Standards von morgen mit.

Was kostet das? Eine nüchterne Betrachtung

Die Kostenfrage lässt sich nicht pauschal beantworten, da die Modelle je nach Bundesland und Träger unterschiedlich gestaltet sind. Relevante Kostenpositionen sind:

  • Lehrgangs- und Prüfungsgebühren beim externen Bildungsträger

  • Freistellungskosten für die Qualifizierungszeit (ggf. teilweise über Förderprogramme refinanzierbar)

  • Verwaltungsaufwand für Antragsstellung und Abrechnungen

Gegengerechnet werden müssen die Kosten für unbesetzte Stellen, Zeitarbeitskräfte und externe Rekrutierung – in vielen Betrieben übersteigen diese die Qualifizierungskosten deutlich. Eine betriebswirtschaftliche Analyse vorab ist dennoch unerlässlich.

Hinweis: Fördermöglichkeiten über die Bundesagentur für Arbeit (Qualifizierungschancengesetz), ESF-Mittel oder länderspezifische Pflegeförderprogramme sollten systematisch geprüft werden.

Handlungsempfehlungen für Geschäftsführung und Personalentwicklung

1. Bestandsaufnahme im eigenen Betrieb: Welche Mitarbeitenden kommen für eine Weiterqualifizierung grundsätzlich in Frage? Eine einfache Potenzialanalyse ist ein sinnvoller erster Schritt.

2. Regionale Modelle identifizieren: Die Pilotprogramme sind nicht bundesweit einheitlich. Es lohnt sich, bei der zuständigen Pflegekammer, dem Landesministerium oder regionalen Bildungsträgern aktiv nachzufragen.

3. Förderberatung in Anspruch nehmen: Bevor Kosten entstehen, sollte der Fördermittelrahmen vollständig ausgeschöpft werden. Hier unterstützen wir als steuerliche und betriebswirtschaftliche Berater gerne.

4. Frühzeitig Partnerschaften aufbauen: Bildungsträger und Pflegeschulen sind angehalten, betriebliche Partner einzubinden. Jetzt einzusteigen, bedeutet Mitgestaltung statt spätere Anpassung.

5. Erfahrungen dokumentieren und teilen: Der Austausch mit anderen Einrichtungen – etwa über Verbände oder Netzwerke – hilft, die besten Ansätze schneller zu identifizieren und Fehler zu vermeiden.

Fazit

Neue Qualifizierungsmodelle in der Pflegefachassistenz sind kein Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel – aber sie sind ein ernstzunehmendes Instrument, das strategisch klug eingesetzt werden kann. Wer die Entwicklung abwartet, verliert wertvolle Zeit. Wer jetzt handelt, sichert sich einen echten Vorteil im Wettbewerb um qualifiziertes Personal.

Sie möchten wissen, wie sich neue Qualifizierungsmodelle in Ihre Personalstrategie und Kostenplanung integrieren lassen? EGIDO GmbH berät Sie – von der betriebswirtschaftlichen Analyse bis zur steuerlichen Einordnung von Qualifizierungskosten.

Eike J. Giersdorf
Wirtschaftsprüfer I Steuerberater
Schwerpunkte
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