17.06.2026

Wie lange darf eine Rechnung offen sein, bevor sie zum Problem wird?

Offene Rechnungen gehören im Geschäftsalltag dazu. Problematisch wird es jedoch nicht erst dann, wenn eine Rechnung „alt" ist, sondern sobald sie Liquidität, Steuerplanung oder Durchsetzbarkeit gefährdet.

Die entscheidende Frage lautet daher weniger „Wie lange ist erlaubt?", sondern: Ab wann wird aus einer offenen Rechnung ein wirtschaftliches oder rechtliches Risiko?

Rechtlich: Wann verjährt eine Forderung?

In Deutschland gilt grundsätzlich die regelmäßige Verjährungsfrist von drei Jahren gemäß § 195 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch).

Das bedeutet: Eine Forderung kann in der Regel drei Jahre lang rechtlich eingefordert werden. Die Frist beginnt allerdings nicht am Rechnungsdatum, sondern am Ende des Jahres, in dem die Forderung entstanden ist und der Gläubiger davon Kenntnis hatte (§ 199 BGB).

Beispiel: Eine Rechnung aus März 2024 verjährt grundsätzlich erst zum 31. Dezember 2027.

Nach Ablauf der Verjährungsfrist kann der Schuldner die Zahlung verweigern – auch wenn die Rechnung inhaltlich korrekt ist.

Wichtig: Verjährung bedeutet nicht „automatisch verloren"

Auch wenn eine Forderung verjährt ist, bleibt sie formal bestehen. Sie kann nur dann nicht mehr erfolgreich eingeklagt werden, wenn der Schuldner die sogenannte Verjährungseinrede erhebt. Das ist ein wichtiger Unterschied, der in der Praxis häufig missverstanden wird.

Wirtschaftlich: Das echte Problem entsteht viel früher

In der Praxis ist die rechtliche Verjährung selten das eigentliche Problem. Viel früher kritisch wird es bei der Liquidität.

Typische Schwellen im Überblick:

  • 14 bis 30 Tage: normale Zahlungsfrist, üblich im Geschäftsverkehr

  • 30 bis 60 Tage: erste Mahnstufe, erhöhte Aufmerksamkeit notwendig

  • 60 bis 90 Tage: deutlich erhöhtes Ausfallrisiko

  • ab 90 Tagen: Forderung gilt in vielen Branchen als kritisch

  • ab 6 Monaten: hohes Risiko eines tatsächlichen Forderungsausfalls

Gerade im Pflegebereich oder bei öffentlichen Kostenträgern können Zahlungsziele und Prüfprozesse diese Zeiträume zusätzlich verlängern.

Warum offene Rechnungen schnell zum Liquiditätsproblem werden

Eine einzelne offene Rechnung ist selten kritisch. Mehrere offene Forderungen gleichzeitig können jedoch schnell zu einem strukturellen Problem werden.

Typische Folgen:

  • fehlende Liquidität für Löhne und Sozialabgaben

  • Verzögerung von Investitionen

  • Nutzung von Kreditlinien oder Kontokorrentkrediten

  • erhöhte Finanzierungskosten

  • Stress in der Finanzplanung

Besonders gefährlich wird es, wenn offene Forderungen regelmäßig entstehen und nicht konsequent gemanagt werden.

Sonderfall Pflegebranche: Kostenträger und Prüfverfahren

In der Pflegebranche sind offene Rechnungen häufig nicht „überfällig", sondern „in Prüfung". Das betrifft insbesondere:

  • Abrechnungen mit Pflegekassen

  • Sozialhilfeträger

  • private Kostenträger

  • Abrechnungsstellen und Dienstleister

Verzögerungen entstehen hier oft nicht durch Zahlungsverzug, sondern durch Rückfragen, Prüfungen durch den Medizinischen Dienst (MD), fehlende Unterlagen oder formale Korrekturen.

Trotzdem gilt: Auch diese Forderungen müssen aktiv überwacht werden, da sie die Liquidität genauso beeinflussen wie klassische Kundenforderungen.

Wann eine offene Rechnung zum echten Problem wird

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wird eine Forderung kritisch, wenn mindestens einer dieser Punkte erfüllt ist:

  • Zahlungsziel deutlich überschritten

  • keine Reaktion des Schuldners auf Mahnungen

  • hohe Einzelbeträge oder Konzentration auf wenige Schuldner

  • wiederkehrende Verzögerungen bei bestimmten Kunden

  • steigender Anteil offener Forderungen an der Gesamtleistung

Spätestens dann ist nicht mehr die einzelne Rechnung das Problem, sondern das Forderungsmanagement insgesamt.

Was Geschäftsführer konkret tun sollten

Ein professionelles Forderungsmanagement besteht nicht nur aus Mahnungen, sondern aus Struktur:

  • klare Zahlungsziele in Verträgen und Leistungsvereinbarungen

  • regelmäßiges Forderungsmonitoring (zum Beispiel wöchentlich oder monatlich)

  • frühzeitige Kommunikation bei Zahlungsverzug

  • standardisierte Mahnprozesse

  • Prüfung von Bonität und Zahlungsfähigkeit bei Neukunden

  • bei Bedarf: konsequente Übergabe an ein Inkassounternehmen oder rechtliche Durchsetzung

Fazit

Rechtlich kann eine Forderung in der Regel bis zu drei Jahre lang geltend gemacht werden. Wirtschaftlich wird sie jedoch deutlich früher zum Problem.

Schon ab 30 bis 60 Tagen Zahlungsverzug sollte aktiv gehandelt werden, da sich sonst schnell ein Liquiditätsrisiko entwickelt. Entscheidend ist daher nicht die Frage, wie lange eine Rechnung offen sein darf, sondern wie konsequent offene Forderungen überwacht und gesteuert werden.

Ein funktionierendes Forderungsmanagement schützt nicht nur vor Ausfällen – es stabilisiert die gesamte Unternehmensliquidität.

Eike J. Giersdorf
Wirtschaftsprüfer I Steuerberater
Schwerpunkte
  • Steuerliche Gestaltungsberatung
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